90 Jahre OLi: Ein Stück Stadtfeld feiert Geburtstag

Heute vor genau 90 Jahren gingen in der Olvenstedter Straße zum ersten Mal die Lichter aus – damit auf der Leinwand das Licht angehen konnte. Am 9. September 1936 öffneten die OLi-Lichtspiele ihre Türen. Zum runden Geburtstag öffnete das Stadtfelder Kino nun noch einmal ganz andere Türen und ließ seine Gäste auch dorthin schauen, wo man sonst nicht hinkommt. Ein guter Anlass für eine Reise durch neun Jahrzehnte Kinogeschichte.

Wer am heutigen Mittwochnachmittag am OLi vorbeikam, konnte den Geburtstag kaum übersehen. Goldene Luftballons, Wimpel und die unübersehbare Botschaft an der Fassade: „Das OLi wird 90.“

Drinnen liefen historische Bilder über die Leinwand, Besucherinnen und Besucher konnten durch das Haus streifen und sogar einen Blick in den Vorführraum werfen. Und spätestens dort wird deutlich, wie viel Geschichte in diesem Haus steckt.

Das OLi-Kino in der Olvenstedter Straße am 90. Geburtstag mit Jubiläumsschmuck und Hinweistafel.

Film ab: Stadtfeld, 1936

Spulen wir den Film zurück: Magdeburg hat Mitte der 1930er Jahre bereits zahlreiche Kinos. Doch auch im damaligen Wilhelmstadt wächst die Lust auf bewegte Bilder.

Die Speditionsunternehmerin Martha Dehne lässt auf dem Gelände ihrer Firma in der Olvenstedter Straße einen älteren Bau abreißen. An seine Stelle soll ein Kino mit Wohnhaus treten.

Mit der Planung wird kein Unbekannter beauftragt: Carl Krayl. Krayl gehört zu den prägenden Architekten des Neuen Bauens in Magdeburg und hatte zuvor gemeinsam mit Persönlichkeiten wie Bruno Taut das Bild der modernen Stadt mitgestaltet. Das OLi sollte eines seiner letzten Magdeburger Bauwerke werden.

Sein ursprünglicher Entwurf konnte allerdings nur teilweise umgesetzt werden. Trotzdem sind bis heute typische Elemente erhalten – darunter der markante kubische Erker. Auch die Bauplastiken von Rudolf Wewerka an der Hofdurchfahrt gehören zum Haus.

Und dann ist es soweit: Am 9. September 1936 öffnen die OLi-Lichtspiele. Zur Premiere läuft die Thrillerkomödie „Eskapade“. Mehr als 400 Menschen finden damals im großen Kinosaal Platz.

Stadtfeld hat sein Kino.

Historische Filmprojektoren im Vorführraum des OLi-Kinos.

Und plötzlich bleibt die Leinwand dunkel

Über Jahrzehnte gehören Kinobesuche im OLi zum Alltag des Stadtteils. Generationen von Stadtfelderinnen und Stadtfeldern sitzen hier im Dunkeln, lachen, fiebern mit, erschrecken sich, verlieben sich vielleicht – auf der Leinwand oder sogar im Kinosaal.

Doch die Kinowelt verändert sich. Nach der Wiedervereinigung übernimmt die UFA 1991 die Magdeburger Lichtspielhäuser. Große Multiplex-Kinos gelten als Zukunft der Branche, kleinere Häuser verschwinden nach und nach.

1997 trifft es auch das OLi. Der Vorhang fällt. Diesmal scheinbar endgültig. Jahrelang steht das Kino leer. Sogar eine Nutzung als Supermarkt steht zeitweise im Raum.

Dass wir heute noch im OLi Filme schauen, Konzerte erleben oder miteinander feiern können, war damals alles andere als selbstverständlich.

Gedenkort im OLi-Kino mit einem gerahmten Porträt von Wolfgang Heckmann.

Einer will einfach wieder ins Kino gehen

Dann beginnt die vielleicht schönste Episode in der Geschichte des Hauses.

Wolfgang Heckmann, Professor für Sozialpsychologie und begeisterter Kinofan, hat einen ziemlich nachvollziehbaren Wunsch: Er möchte ein gutes Programmkino haben, das er von Stadtfeld aus zu Fuß erreichen kann. Nur gibt es dieses Kino nicht mehr.

Also hilft letztlich nur eine ungewöhnliche Lösung: Er macht es selbst. Heckmann kauft das leerstehende OLi und steckt nicht nur viel Arbeit und Energie, sondern auch persönlich sehr viel in die Rettung des Hauses.

Im Oktober 2003 wird beim ersten großen Hoffest deutlich: Hier soll wieder Leben einziehen. Filme werden gezeigt, Bands spielen, Theater gehört zum Programm.

Das OLi ist zurück.

Noch lange ist damit nicht alles geschafft. Das Gebäude wird Stück für Stück saniert und weiterentwickelt. Auch die Fassade erhält wieder mehr von dem Charakter, den Carl Krayl ihr ursprünglich geben wollte.

Stimmungsvolle Ansicht des OLi-Kinosaals mit roten Sesseln, Kerzenlicht und Leinwand.

Aus einem Kino wird ein Kulturort

Denn nur Filme zu zeigen, reicht irgendwann nicht mehr. Und vielleicht ist genau das ein Teil des Erfolgs des heutigen OLi. Natürlich ist es noch immer ein Kino. Aber eben nicht nur ein Kino.

Hier gibt es Konzerte und Lesungen, Theater und Gespräche, Kinderkino und Kultfilme, Partys und außergewöhnliche Veranstaltungsformate.

Manchmal steht die Leinwand im Mittelpunkt. Manchmal die Bühne. Und manchmal ist das Wichtigste schlicht, dass Menschen zusammenkommen.

So ist aus den alten OLi-Lichtspielen über die Jahre etwas entstanden, das sich nur schwer in eine Schublade stecken lässt.

Ein Kino. Ein Kulturort. Ein Treffpunkt. Und irgendwie auch ein Stadtfelder Wohnzimmer.

Wolfgang Heckmann konnte diesen Weg nicht bis zum heutigen Jubiläum begleiten. Er verstarb 2019. Dass das OLi heute seinen 90. Geburtstag feiern kann, ist aber untrennbar mit seinem Namen und seinem Mut verbunden.

Gemeinsam mit Ines Möhring, die das OLi heute weiterführt, hat er aus einem längst aufgegebenen Kino wieder einen lebendigen Ort gemacht.

Auch wir haben im OLi einige Abende verbracht

Mit dem OLi verbindet auch den Bürger für Stadtfeld e.V. eine lange gemeinsame Geschichte. Immer wieder haben wir in den vergangenen Jahren gemeinsam Filmabende organisiert. 2012 ging es mit „Magdeburg zur Schmalfilmzeit“ auf eine filmische Reise durch die Stadtgeschichte. 60 Gäste waren damals dabei, ein Teil der Einnahmen floss direkt in die weitere Sanierung des OLi.

Es folgten unter anderem mehrere Abende rund um den unvergessenen Stadtfelder Schauspieler Rolf Herricht. 2014 war das Haus mit knapp 170 Gästen bis auf den letzten Platz gefüllt. Später standen Persönlichkeiten wie Frank Giering, Christian Friedel oder Ekkehard Schwarz im Mittelpunkt unserer gemeinsamen Veranstaltungen.

Viele schöne Abende – in einem Haus, in dem solche Abende einfach besonders gut funktionieren.

Natürlich haben wir es uns an diesem besonderen Geburtstag nicht nehmen lassen, persönlich vorbeizuschauen. Thomas Opp. Maik Lampe und Stephan Bublitz vom Bürger für Stadtfeld e.V. gratulierten Ines Möhring zum 90. Geburtstag ihres OLi – mit Blumen, Geburtstagsklappe und vielen gemeinsamen Erinnerungen an Filmabende in diesem Haus.

Ines Möhring mit Gratulanten des Bürger für Stadtfeld e.V. vor dem OLi-Kino am 90. Geburtstag.

Drei Buchstaben kehren zurück

Dass beim OLi Vergangenheit und Gegenwart wunderbar zusammenpassen, zeigte sich auch im September 2022. Nach mehr als 30 Jahren kehrte damals ein kleines, aber ziemlich wichtiges Detail zurück: das leuchtende OLi-Logo über dem Eingang. Bei einer großen „Anknips-Party“ wurde heruntergezählt – und seitdem leuchten die drei Buchstaben wieder weithin sichtbar über der Olvenstedter Straße. Ein kleines Stück Stadtgeschichte war zurück.

Goldene 90-Jahre-Ballons vor historischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen auf der Kinoleinwand.

Ein Blick hinter die Kulissen

Zum eigentlichen Geburtstag am 9. September nutzten zahlreiche Gäste die Gelegenheit, das OLi einmal aus anderen Perspektiven kennenzulernen. Beim Tag der offenen Tür führten die Wege nicht nur durch den Kinosaal. Auch der Vorführraum war geöffnet – jener Ort, von dem aus über Jahrzehnte die Bilder auf die Leinwand geschickt wurden. Zwischen historischer Technik und heutiger Veranstaltungsausstattung wurde besonders anschaulich, wie viele Kinoepochen in diesem Haus zusammenkommen.

Große Filmprojektoren im Vorführraum des OLi-Kinos.

90 Jahre – und noch lange nicht Abspann

Der eigentliche Geburtstag ist damit gefeiert – doch das Jubiläum ist noch nicht vorbei. Für das OLi geht die Geburtstagswoche am Samstag, 12. September, weiter. Dann folgt die große Party mit Musik, Tanz und Fassadeninstallation. 90 Jahre nach der ersten Filmvorführung ist jedenfalls ziemlich klar: Der Abspann läuft noch lange nicht. Denn das OLi hat etwas geschafft, das keineswegs selbstverständlich ist. Es hat seine Geschichte bewahrt, ohne zu einem Museum zu werden. Hier stehen alte Filmprojektoren nur wenige Meter von moderner Veranstaltungstechnik entfernt. Historische Bilder laufen über dieselbe Leinwand, vor der heute Konzerte, Diskussionen und Filmabende stattfinden. Und vielleicht ist genau das das Geheimnis dieses Hauses.
Herzlichen Glückwunsch zum 90., liebes OLi. Schön, dass Du zu Stadtfeld gehörst.
Jubiläumsplakat „Wir feiern Geburtstag – 90“ zwischen den roten Sesseln des OLi-Kinos.

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