Hermann-Gieseler-Halle als Baudenkmal und Erinnerungsspeicher schützen!

Stellungnahme des Bürger für Stadtfeld e.V. zu Bedeutung und Zukunft der Hermann-Gieseler-Halle in Magdeburg-Stadtfeld:

Der äußere Eindruck der Hermann-Gieseler-Halle täuscht darüber hinweg, womit man es hier zu tun hat. Die meisten schauen auf sie hinab von der Westring-Brücke, von wo aus der schwarze Flickenteppich aus Dachpappen dominiert oder sehen von der Bahnstrecke vor allem den großflächigen Graffiti-Schriftzug an der hinteren Stirnseite. Selbst bei der ebenerdigen Annäherung an die rosa Schauseite zur Wilhelm-Kobelt-Straße macht die Halle einen fast schon unscheinbaren Eindruck – auch weil die eigentlich einladende Geste der wie Arme ausgebreiteten Nebengebäude durch die parkenden Autos ad adsurdum geführt ist. Und wenn man erfährt, dass die Halle 1922 als Viehmarkt- und Veranstaltungshalle mit dem Namen „Halle Land und Stadt“ errichtet wurde, macht das auch noch nicht wirklich neugierig.

Tatsächlich aber handelt es sich Hermann-Gieseler-Halle um ein hoch bedeutendes Baudenkmal der Landeshauptstadt Magdeburg.

Die Halle ist einer der wichtigsten Einzelbauten der Magdeburger Moderne der 1920er-Jahre, ist eine Pionierleistung und ein Kristallisationspunkt dieser kurzen Epoche, als Magdeburg an der Spitze der architektonischen Entwicklung in Deutschland stand. Die Halle gehört allein schon deshalb auf jede Deutschlandkarte der Architekturmoderne, weil sie von Bruno Taut entworfen wurde – einem der ganz wenigen Architekten weltweit, von denen Bauten der 1920er-Moderne zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurden (2007 seine Siedlungen in Berlin), und der deshalb inzwischen zu den international anerkannten Stars dieser Epoche zählt. Mehr noch ist sie ein ganz besonderes Werk im Schaffen von Taut, der 1933 vor den Nazi aus Deutschland floh und 1938 im türkischen Exil starb, denn es ist sein einziges realisiertes öffentliches Gebäude und seine einzige Halle. Sie entstand in seiner kurzen Zeit als Stadtbaurat von Magdeburg (1921-24), als er der erste und einzige der Avantgardisten der Architekturmoderne war, der in einer deutschen Großstadt an Spitze der Bau- und Planungsbehörde stand.

Die ungeheure Bedeutung der Halle liegt aber auch darin begründet, dass sie in mehrfacher Hinsicht ein Kristallisationspunkt für Magdeburg als Stadt der Moderne ist. An ihrem Entwurf waren neben Taut auch Johannes Göderitz und Carl Krayl beteiligt, die beiden weiteren zentralen Architekten der Magdeburger Moderne der 1920er Jahre und die beiden ersten Mitarbeiter, die Taut nach Magdeburg holte, als er Stadtbaurat geworden war. Nur bei dieser Halle waren tatsächlich alle drei beteiligt und sie steht deshalb mehr als jeder andere Bau für das Team um Bruno Taut, dem Magdeburg den Aufbruch in die Architekturmoderne zu verdanken hat, der so entschieden war, dass diese Richtung auch nach Tauts Weggang unbeirrt weiterverfolgt wurde. Und schließlich verkörpert die Halle auch den unbedingten Willen zum Aufbruch in die Moderne, der die Stadt Magdeburg in der Amtszeit des Oberbürgermeisters Hermann Beims (1919-1931) kennzeichnete, als neben der Bewegungsrichtung auch die hier herrschende immense Tatkraft beeindruckte. Die Halle war 1922 als kommunaler Großbau etwas ganz besonderes, weil sie unter den äußerst widrigen Umständen der einsetzenden Inflationszeit entstand, als es sonst im vom Ersten Weltkrieg so stark gebeutelten Deutschland kaum irgendwo gelang, einen Neubau zu errichten. Und die Halle hatte mit ihrer stützenfreien und offenliegenden Stahlbeton-Dachkonstruktion aus parabelförmigen Bogen- und Längsbindern zudem eine innovative Bauweise aufzuweisen, die auch noch kostengünstiger als konventionelle Formen ausgeführt werden konnte.

Dass es bei der Halle mehr auf die inneren Werte ankommt, sich die monumentale Wirkung weitaus mehr im Innenraum als äußerlich entfaltet, und dass die unverkleideten Betonbögen zugleich einen nüchterner Pragmatismus ausstrahlen, macht sie nicht zuletzt auch zu einer Halle, die typisch Magdeburgisch ist.

Und dann sind da noch die Erinnerungen zehntausender Menschen, die in diese Halle eingeschrieben sind – Erinnerungen an zahllose sportliche Höhepunkte und andere Veranstaltungen. Deshalb liegt die Hermann-Gieseler-Halle vielen Magdeburgerinnen und Magdeburgern besonders am Herzen.

Die hier skizzierte Gesamtbedeutung als Baudenkmal der Moderne wie auch als historischer Veranstaltungsort verpflichtet zum Erhalt der der Hermann-Gieseler-Halle und zu einer denkmalgerechten Sanierung. Die Halle muss auch nachfolgenden Generationen gezeigt werden können, und zwar in der ganzen architektonischen Qualität, die sie ursprünglich besaß. Deshalb muss eine Sanierung unbedingt auch die Wiederherstellung des Lichtbandes in der Mitte des Daches umfassen, und in jedem Fall muss die Sanierung im Inneren die charakteristische Raumwirkung erhalten, die in der offenen Abfolge der freitragenden Bögen in voller Höhe besteht. Der Einbau eines zweiten Geschosses im Inneren beispielsweise würde diese Raumwirkung und damit die Charakteristik des Baudenkmals zerstören.

Aus diesen Gründen gehört die Halle in verantwortungsvolle Hände. Hände, die Baudenkmale durch Baumaßnahmen ihrer Charakteristika berauben und sie so bis zur Unkenntlichkeit entstellen, dürfen keinen Zugriff auf die Hermann-Gieseler-Halle bekommen!

Warum wird jetzt überhaupt über einen Verkauf gesprochen? Die Landeshauptstadt Magdeburg hat bei der Hyparschale doch bewiesen, dass sie Willens und in der Lage ist, sich zum Erhalt eines wichtigen Baudenkmals der Moderne zu entschließen und dieses im eigenen Besitz zu sanieren. Es gibt aktuell gar keine Eile für Entscheidungen um die Hermann-Gieseler-Halle. Die Diskussion um eine denkmalverträgliche Nutzung sollte nun beginnen und für Ideen sollte auch überregional bei Freunden und Förderern der 1920er-Architekturmoderne geworben werden.

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