Der Stadtfelder „NachDenker“ entgeht der Schließung

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Volksstimme vom 15.11.2012
Volksstimme vom 15.11.2012
Um die Schließung der Stadtfelder Kiezkneipe „NachDenker“ abzuwenden, haben deren Stammgäste kurzerhand eine Genossenschaft gegründet und leisten damit Pionierarbeit im Land.

Was macht man als Gast, wenn die Stammkneipe endgültig schließt? Die interessanteste Antwort auf diese Frage gibt eine fünfzehnköpfi ge Kneipenclique, die einfach eine Genossenschaft gegründet hat, um ihren abendlichen Treffpunkt am Leben zu erhalten. Der Stadtfelder „NachDenker“ in der Immermannstraße, selbst bereits aus einer Initiative zweier Gäste des legendären Vorgängers „Denker“ in der Steinigstraße hervorgegangen, ist seit Anfang Oktober in den Händen vieler Männer und Frauen.

Drei von ihnen sind Manuel Fraß, Marius Spennemann und Sebastian Klaus. Als „Jugendclub für Erwachsene“ bezeichnen sie und viele weitere Gäste die Eckkneipe mit dem Mobiliar im Sperrmüll-Look. Als die vorigen Betreiber Laszlo Köllner und Marcel Wark im August die Türen schlossen, dauerte es nicht lange, bis die Entscheidung in der Gruppe reifte: „Ohne den ‚NachDenker‘ ist es einfach nicht dasselbe. Es fehlt etwas.“

Sebastian Klaus spricht von einem „Schmelztiegel unterschiedlichster Einflüsse und Personen“, wo der Punker neben dem Arbeiter sein Feierabendbierchen trinkt. Deshalb sei es auch wichtig zu betonen, dass der „NachDenker“ für jedermann off en ist und es sich nicht um eine Art Vereinsheim für einen kleinen Kreis Eingeweihter handelt. Im Kollektiv soll nun das gelingen, was vorher scheiterte: Den täglichen Kneipenbetrieb sowohl zeitlich zu stemmen als auch wirtschaftlich zu gestalten. Dass das Motto „Viele Köche verderben den Brei“ nicht zutriff t, bestätigt Sebastian Klaus: „Dadurch, dass wir so viele unterschiedliche Charaktere sind, bringt jeder sein Können, seine Erfahrungen und Ideen mit ein.“ „Außerdem haben wir eine sehr gute Streitkultur“, ergänzt Manuel Fraß.

Nach dem Entschluss, die Kneipe am Leben zu erhalten, wurden verschiedene Modelle durchgespielt. Eine GbR war im Spiel, auch eine Vereinsgründung galt als Option. Doch dann hätte man keinen Gewinn erzielen können. Dies sei zwar auch nicht erklärtes Ziel, aber als Genossenschaft zumindest möglich. „Wir wollen aber auf keinen Fall Schulden machen“, betont Manuel Fraß. Wenn am Ende des Monats eine Null steht, sei man auch zufrieden.

Einzige Bedingung für die Mitgliedschaft ist, neben dem obligatorischen finanziellen Genossenschaftsanteil im dreistelligen Bereich als Rücklage, die Bereitschaft, sich unentgeltlich hinter den Tresen zu stellen. Am 2. Oktober war Gründungsversammlung, noch heißt der offi zielle Status daher „in Gründung“.

Wolfgang Schildhauer, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands in Sachsen- Anhalt, lobt die Initiative und nennt sie sogar eine Chance: „Dies könnte ein Beispiel für viele ländliche Bereiche sein. Viele Kneipen und Lokale sind dort bedroht, aber jedes Dorf braucht solch einen Kommunikationspunkt.“ Wenn das Stadtfelder Beispiel Schule macht, könnten sich auch dort die Gäste zusammenschließen und den Zapfh ahn selbst in die Hand nehmen. Der Industrie- und Handelskammer ist bislang kein anderer Fall im nördlichen Sachsen-Anhalt bekannt, wie Sprecher Frank Laudan bestätigt. Somit könnte die „NachDenker“ eG zu einem Vordenker für andere werden.

(Volksstimme vom 15.11.2012)

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