Schlechte Zeiten für junge Eltern in Magdeburg – Ein Krippenplatz gleicht einem Sechser im Lotto

Volksstimme vom 24.11.2011
Volksstimme vom 24.11.2011
Der Oberbürgermeister persönlich drückte am 31. März 2011 öffentlichkeitswirksam das Knöpfchen zum Start des Magdeburger Kita-Portals im Internet. Versprochen wurde Erleichterung bei der Platzsuche. Eingetreten ist das Gegenteil.

Magdeburger Familien mit Zuwachs brauchen starke Nerven und Ausdauer, wenn es an die Suche nach einem Kita-Platz für ihren Neuankömmling geht. Die Mehrheit der jungen Mütter (zunehmend auch junge Väter) nutzen die bezahlte Elternzeit und kümmern sich im ersten Jahr alleine ums Kind. Wer danach wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren will – und das wollen hierzulande die allermeisten schon aus fi nanziellen, aber auch aus Gründen des eigenen Selbstverständnisses – ist zwingend auf Betreuung für den Nachwuchs angewiesen. Das sollte kein Problem sein, denn in Sachsen-Anhalt ist ein Anspruch darauf rechtlich verbrieft. Auf die aktuelle Situation in der Landeshauptstadt bezogen muss man allerdings attestieren: Zu knapp bemessene Ressourcen in den sämtlich an freie Träger übergebenen Einrichtungen weichen den Rechtsanspruch in der Realität auf.

85 Kindergärten, Krippen und Kitas mit insgesamt rund 9000 Plätzen werden in Magdeburg von der öff entlichen Hand unterhalten, darüber hinaus halten fünf private Einrichtungen mit rund 150 Plätzen ihre Türen für die jüngsten Elbestädter geöff net. Das heißt: Geöff net sind die Türen in der Regel nur für jene, die drinnen schon einen Platz haben oder als Geschwisterkind bevorzugt auf frei werdende Plätze nachrücken. Wer ansonsten draußen ansteht, erntet auf die Frage nach Einlass zumeist bedauerndes Kopfschütteln oder wurde in der Vergangenheit gerne auf Wartelisten verwiesen, deren Abarbeitung schon mal zwei Jahre und länger dauern konnte. Mit Eröff nung des Kita-Portals sollten Wartelisten und mögliche Mehrfachreservierungen der Vergangenheit angehören. Das Portal sollte sozusagen die ganze Wahrheit und Klarheit über Kapazitäten in den Magdeburger Kindereinrichtungen ans Licht bringen. Nun – das tut es und zwar in aller Dramatik. Junge Eltern verzweifeln in unschöner Regelmäßigkeit vor der Null in Serie.

Der Fund eines Krippenplatzes gleicht einem Sechser im Lotto

Während für Kindergartenkinder (ab 3 Jahre) noch gelegentlich ein paar Restplätze ausgewiesen werden, gleicht der Fund eines Krippenplatzes im Magdeburger Kita-Portal einem Sechser im Lotto. Der Redaktion sind allerdings auch Fälle bekannt, in denen besagter Sechser binnen Tagesfrist wieder verfi el, weil Eltern, die ihn „gewonnen“ zu haben meinen, auf persönliche Nachfrage in der betreff enden Einrichtung sinngemäß erfuhren: Sorry, schon weg! Oder: Schade, bei uns werden erst ab Zweijährige aufgenommen.

Auf Nachfrage der Redaktion bezieht das Jugendamt schriftlich zur Situation Stellung und räumt etwas umständlich ein: „Dem Jugendamt ist bewusst, dass derzeitig die Software im Rahmen der Rechtsanspruchssicherung und der Elternerwartungen, einen Platz entsprechend ihrer Bedürfnisse und Zugangsvoraussetzungen zu fi nden, nicht immer gerecht wird.“ Bis Ende Oktober seien via Internet immerhin 1066 Reservierungen für einen Kita- Platz von Eltern vorgenommen worden. Allerdings: Nur 146 von ihnen führten tatsächlich zur Aufnahme von Kindern, dementgegen wurden 585 Reservierungen (warum und von welcher Seite auch immer) „storniert“ und 335 liefen zeitlich (Zwei-Wochen- Frist) ab, ohne dass die Eltern ihre Reservierung per Abschluss eines Betreuungsvertrags verbindlich machten. Heißt: Die Mehrheit der Kita-Plätze wird weiter am Portal vorbei direkt in den Einrichtungen vergeben. Das Jugendamt weist Eltern darauf hin, dass die Kontaktaufnahme mit der Kita ihrer Wahl der erste und beste Weg ist. Allerdings machen Eltern dort – in restlos belegten Kitas – die umgekehrte Erfahrung. Sie werden mit Verweis aufs Internet abgewimmelt.

Bleibt zu bilanzieren: Wo nichts ist, ist nichts zu vergeben. Nicht vor Ort und nicht im Internet. Dem Jugendamt scheint dieses Licht aufgegangen, wenn es schreibt: „Die bestehende Kapazität (…) wird gegenwärtig und mit Blick auf 2012 einer grundlegenden Planung, Erschließung von Reserven bis hin zur Prüfung möglicher Neukapazitäten unterzogen.“ Kurzfristig würden die Kita-Träger „verstärkt“ auf die Auslastung ihrer Betriebserlaubnisse hingewiesen; heißt: Sie sollen „Mann und Maus“ aufnehmen, die ins Haus und unter die Obhut des verfügbaren Personals passen. Viele Kitas haben das längst getan. Der Mangel schlägt sich auch bei den alternativ zur Kita nutzbaren Tagespfl egestellen nieder. 285 Pflegestellen für unter Dreijährige hat das Jugendamt zugelassen. Alle sind belegt.

Durchschnittlich 30 Eltern bekennen monatlich ihr eigenes Scheitern bei der Platzsuche und bitten um amtliche Hilfe. Der reale Platzmangel macht allerdings auch das Amt zum Bittsteller. Mitarbeiter ersuchen im Dienst von Eltern in Not regelmäßig um „Überbelegung“ in Kitas und bekennen: „Es kann nicht in jedem Fall sofort geholfen werden.“
Fahrlässig

Eltern, die sich schockiert vor der Null-Serie im Kitaplatzportal oder vor händeringenden Kita-Leiterinnen (Randvoll!) wiederfinden, fühlen sich belogen und betrogen. Zu Recht, selbst wenn sie – auf Knien bettelnd, nach aufreibenden Monaten der Suche, mit Wartefrist oder Beziehungslist – am Ende doch einen Platz finden. Bis dahin haben sie Nerven gelassen und den Glauben an die vielbeschworene Familienfreundlichkeit eingebüßt. Magdeburg brüstet sich als Hauptstadt eines Landes, in dem der Anspruch auf Kinderbetreuung rechtlich verbrieft ist und preist ihn als Standortvorteil. Zu den realen Verhältnissen passen solche Töne nicht. Wenn sich selbst das Amt schwer tut, freie Plätze zu fi nden und Kitas um „Überbelegung“ ersucht, liegt der schlimme Schluss auf der Hand: Die Stadt geht fahrlässig mit ihrem Nachwuchs um. Wo Überfüllung von Kitas zum Konzept wird, ist Kindeswohl gefährdet. Die Gesundheit von Erzieherinnen auch. Die Botschaft möge auch die Landesregierung ereilen. Sie wünscht noch mehr Betreuung (ganztags) für weniger Geld (aufs einzelne Kind bezogen). Das wäre fahrlässig qua Gesetz.

(Volksstimme vom 24.11.2011)

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